Wieder was gelernt: die Online-Bewerbung, Teil 2

Bei allen lästigen Begleiterscheinungen der Online-Bewerbung für den Empfänger muss ich nach Ende der Ausschreibung meine Meinung zur Aussagekraft teilweise korrigieren. Tatsächlich hat es kaum eine Bewerberin oder ein Bewerber geschafft, die gestalterischen Möglichkeiten der klassischen Mappe zu nutzen. Bei den eingegangenen Exemplaren stellt sich sogar die Frage, ob das bei dem gegebenen Material der Schreibwarenhändler überhaupt machbar ist.
Der Stapel ausgedruckter Online-Bewerbungen strahlt zwar auf den ersten Blick eine unglaubliche Langeweile aus – doch tatsächlich unterscheiden sich die meisten eingereichten Mappen auch nur in der Farbe. Inhaltlich vermitteln die meisten online eingereichten Bewerbungen oft ein weitaus besseres Bild als die Blättersammlungen der Offline-Varianten. Allerdings sind auch Negativ-Ausreißer eher unter den Online-Bewerbungen zu finden, z. B. kurze One-Pager mit der Anrede “to whomsoever it may concern”. Hm.


Was bedeutet diese jüngste Praxiserfahrung für den Job-Anbieter?
1. Wer online neue Leute sucht, muss mit dem größeren Arbeitsaufwand durch online oder per E-Mail eingereichte Bewerbungen leben.
2. Klassische Bewerbungsmappen bewegen sich in ihrer Aussagekraft oft im guten aber gleichförmigen Mittelmaß; unter Online-Bewerbungen gibt es viele strahlende Perlen – und wahre Nieten.
3. Wer halbwegs kreative Leute sucht und auf Online-Bewerbungen setzt, sollte den Einsatz von standardisierenden Formularen sehr, sehr gut überlegen.
Was heißt das für den Bewerber?
1. Es schadet im Zweifel nicht, den bevorzugten Eingangskanal für eine Bewerbung telefonisch zu erfragen.
2. Individualität ist Trumpf – Kreativitäts-Attacken à la WordArt sind out (und waren noch nie in).
3. Es lohnt sich, in ein gutes, sympathisches Foto zu investieren.
4. Es ist bei einer Bewerbung per E-Mail OK, Anschreiben, Lebenslauf und Zeugnisse in bis zu drei getrennte Dateien oder auch in eine einzige Datei zu packen.
5. Es ist nicht OK, Anschreiben, Lebenslauf, Foto und 10 Zeugnisse in bis zu 13 Dateien zu packen.
6. Immer an den Empfänger denken.
Das sind natürlich nur Empfehlungen als Ergebnis einer Stichprobe von n=33 ohne Anspruch auf Repräsentativität. Beim Googeln zum Thema findet sich zur weiteren Lektüre auch ein interessanter Spiegel-Artikel aus 2004.
Und was ist nun mit der ausgeschriebenen Stelle? Die ist schon besetzt. Die Bewerbung kam als Mappe. Silber und Bronze gingen an Bewerbungen per E-Mail.