Weltjugendtag in Köln: “Good Catholics Use Condoms”

Ganz gleich, was der Einzelne von der katholischen Kirche im Allgemeinen und vom Papst im Besonderen halten mag: Der Aufenthalt in Köln war während des Weltjugendtags äußerst lohnenswert. Natürlich mussten Kölner und Besucher sich mehr als sonst mit den Problemen des öffentlichen Nahverkehrs auseinandersetzen, aber das kennt der Rheinländer vom Karneval. Neben der Verkehrssituation erinnern noch weitere Details an die fünfte Jahreszeit: So sind deutlich mehr Mönchskutten im Stadtbild auszumachen als an normalen Tagen, und ich kann einfach nicht glauben, das es sich bei den braunen und schwarzen Umhängen immer um echte Berufskleidung handelte.
Die unvermeidlichen Trommelgruppen waren ebenfalls anwesend und weithin hörbar – wie immer, wenn in Köln mehr als 100 Menschen zu lange an einem Ort stehen. Gegen Abend glitten die “Benedetto”-Schlachtrufe außerdem gerne in das eher weltliche “Viva Colonia” über, wie aus der Zülpicher Straße berichtet wurde, dem Kölner Zentrum für studentische Ess- und Trinkkultur. Nicht zuletzt strahlte aus den meisten Gesichtern eine Glückseligkeit, wie der aufmerksame Beobachter sie sonst nur bei Podolski-Toren und im karnevalistischen Tohuwabohu zwischen Weiberfastnacht und Nubbelverbrennung erlebt – also immer dann, wenn das allgemeine Zusammengehörigkeitsgefühl seinen zu Tränen rührenden Höhepunkt erreicht.


Genau dieses Gefühl, das selbst Nicht-Katholiken und Nicht-Karnevalisten bereits in Fußballstadien, bei Demonstrationen oder bei Konzerten und Festivals erlebt haben dürften, wird in den nächsten Wochen wieder für Schlagzeilen herhalten müssen wie bereits nach dem Ableben von Johannes Paul II. Die unreflektierte Verwechslung von sozialpsychologischen Phänomenen mit Glauben und Religion erscheint unvermeidlich. Beides schließt sich nicht aus, aber eine Differenzierung täte nicht nur einer glaubwürdigen Kirche gut. Kirche kommt ohne Zusammengehörigkeitsgefühl nicht aus, aber nicht jede Form von Euphorie in großen Gruppen kommt vom Glauben. Also bitteschön die Kirche im Dorf lassen oder wie der Kölner singt: M’r losse d’r Dom in Kölle – was angeblich auch von den Pilgern angestimmt worden sein soll.
cwydimage.jpgKritiker waren natürlich auch da. Zuletzt zogen am Freitag ca. 100 Kirchen- und/oder Religionsgegner (so genau war das nicht zu erkennen) durch die Kölner Südstadt, also ungefähr die Menschenmenge, die in diesen Tagen vor jeder einzelnen Straßenbahntür auf Einlass hoffte. Ansonsten gab es noch den Heidenspaß, den Q-BEE bereits so schön kommentierte. Natürlich wäre der Weltjugendtag wieder eine günstige Gelegenheit gewesen, die Afrika-Keule rauszuholen und unter anderem die Frage zu stellen, wie ein kürzlich verstorbener Mann heilig gesprochen werden kann, der bis zuletzt Millionen von AIDS-Kranken und -Gefährdeten den Gebrauch von Kondomen verboten hatte.
Das ist aber gar nicht nötig, denn nicht alle Katholiken haben ein Problem mit Präservativen. So machten beispielsweise die “Catholics for a free choice” fleißig auf ihre etwas andere Sicht der Dinge aufmerksam: “Good Catholics Use Condoms.” Das sind doch mal unterstützenswerte Neuigkeiten innerhalb der Weltreligion, deren früherer Chef erst 1992 zugab, die Erde drehe sich wahrscheinlich doch um die Sonne.
Wer in einem Rückblick den Kirchenapparat und die handelnden Personen einmal ausblendet, wird sich beim Weltjugendtag 2005 an ein internationales Flair erinnern, mit dem die Stadt Köln sonst nicht unbedingt aufwarten kann. Hunderttausende verbreiteten positive Stimmung, ohne dass (wie zur närrischen Hauptsaison) die Straßen am nächsten Morgen in Bier Kölsch getränkt waren. Außerdem haben die vielen gläubigen Freunde aus aller Welt Geld in Köln gelassen und der lokalen Wirtschaft gleich ihre sechste Jahreszeit beschert. Allerdings sind viele Kölner am Montag auch froh, dass keine Helikopter mehr über den Köpfen donnern – Gott sei Dank.