Die Online-Bewerbung, Teil 1

bewerbungen.jpg
Tolle Sache: für mein Team wird ein neuer Mitarbeiter gesucht. Die Stellenausschreibung arbeitet gut, denn es landen viele Bewerbungen von guten Leuten auf meinem Schreibtisch – und in meinem Outlook. Und damit wäre ich dann gleich beim Punkt. Nein, nicht bei Microsoft Outlook, um dessen Nutzung ich nicht herum komme, sondern bei der Online-Bewerbung als solcher – und wie sie auf der anderen Seite letztendlich ankommt, z. B. bei jemandem wie mir.
Um es vorweg zu nehmen: selbstverständlich werden alle Bewerbungen gleich behandelt. Und ja, wenn ein Unternehmen eine E-Mail Adresse als Eingangskanal anbietet, dann darf natürlich jede Bewerberin und jeder Bewerber diesen Weg nutzen. Nur: wird dabei wirklich das Maximum einer positiven Selbstdarstellung erreicht?


“Gerade du als Internet-Mann müsstest doch Bewerbungen per E-Mail besonders gut finden”, ist ein gern genommener Spruch zu dem Thema. Sicher sind Online-Bewerbungen eine tolle Sache: der Bewerber beweist dem Internet-Mann, dass er das Medium nutzt und seinen Lebenslauf sogar als PDF verschicken kann. Die E-Mail ist schnell geschrieben und verschickt. Vom Personalbüro findet die Elektro-Bewerbung nach flinkem Forward auch sicher in meine Inbox – bei anderen Kollegen vielleicht auch erst in die Inbox der Team-Assistenz.
Und dann geht’s los: E-Mail öffnen, Attachment(s) öffnen, idealerweise auch geordnet abspeichern. Ich persönlich finde diese Arbeit mehr als lästig, aber darum geht’s ja nicht. Ich merke mir auch nicht die Namen derer, die mir Attachments von bis zu 3 Megabytes, gerne unterteilt in viele einzelne PDF-Dokumente plus separates JPG des Passfotos schicken. Beliebt ist auch die Zusammenfassung vieler einzelnen Dateien in einem ZIP-File, die der Empfänger wieder auseinander pflücken darf. Der diesmalige Rekord lag bei 19 Dateien in einem ZIP. Auch der Name dieses Absenders landet vorerst nicht auf der Ausschlussliste.
drucker.jpg
Und dann kommt das Ausdrucken. Ja, jede Bewerbung wird ausgedruckt. Die Beurteilung von Texten am Bildschirm hat sich aus meiner persönlichen Sicht noch nie bewährt. Die schnellste und verbindlichste schriftliche Kommentarfunktion der Welt ist außerdem immer noch der Stift auf Papier. Und schließlich geht eine Bewerbung immer durch mehrere Hände, insbesondere bei den einzuladenden Kandidaten. Das Problem der Bewerberin/des Bewerbers: Die Online-Bewerbung druckt mein Schwarzweiß-Laserdrucker, und zwar im Zwei-Seiten-auf-Eine-Modus. Wer würde auf die Idee kommen, für seine Bewerbungsunterlagen den Spardruck zu nutzen? Erster Punkt. Zweiter Punkt: Nach dem Druck kommt der Tacker. Jede Bewerbung sieht gleich aus und bildet mit allen anderen einen Stapel bedruckten Papiers mit einer sanften Erhebung an der Ecke mit den Heftklammern.
Wer möchte sich so präsentiert sehen? Ich jedenfalls nicht. In der Kommunikationswissenschaft gibt es den Begriff des sozioperzeptiven Kontakts (engl.: social perception). Vereinfacht ausgedrückt ist das der erste Eindruck von einem Kommunikationspartner. Ob man will oder nicht – über die Sinneswahrnehmung werden Kommunikationspartner kategorisiert, ganz automatisch noch vor dem Stattfinden von Kommunikation und vor der Vermittlung von Inhalten. Und umgekehrt wird Kommunikation vom sozioperzeptiven Kontakt maßgeblich beeinflusst. Wenn also die völlig gleich aussehenden, getackerten und gestapelten Dokumente vor jemandem wie mir liegen, müssen in einer Bewerbung schon überzeugende Argumente gebracht werden, um einen eventuellen Anspruch an Individualität noch glaubhaft zu vermitteln.
Aber zum Glück liest jemand wie ich jede Bewerbung und lässt sich durch Äußerlichkeiten kaum bis gar nicht beeindrucken. Und zum Glück wird der sozioperzeptive Kontakt durch den individuellen sozialen Kontext geprägt, d. h.: zukünftige Entscheider, die heute bereits im Kinderbett mit dem Laptop ihr Windelweblog schreiben, sehen das in Zukunft vielleicht alles ganz anders.
Bis dahin sei jedem empfohlen, seine Selbstpräsentation auch online abzubilden – das wäre die konsequente medienadäquate Fortführung einer Online-Bewerbung. Eine eigene Website kann heute fast jeder bauen, und den Serverplatz gibt es für Absolventen bei wahrscheinlich allen Unis und FHs kostenlos. Und wie man hier sehen kann: so eine Website muss nicht unbedingt schön sein.

2 replies
  1. Peter Fisch
    Peter Fisch says:

    Bei Deinem Workflow verstehe ich nicht, warum Du eine Online Bewerbung überhaupt anbietest?
    Du scheinst papiergestützt zu arbeiten.
    Guckst Du beim ersten Screening ernsthaft in die Zeugnisse? Anschreiben und CV ist wichtig, eigentlich nur letzterer. Wenn der Kandidat ineressant ist, anrufen und kurzes Telephoninterview. Immer noch gut? Dann soll er mal schön alles selber kopieren und eintüten bzw. faxen, Originale bitte zum 1. Gespräch mitbringen. Voila!
    Online-Bewerbung ist toll, wenn die Entscheider zeitlich oder geographisch verteilt sind.

  2. Oliver
    Oliver says:

    Moin,
    ob und wie Bewerbungen im Markt platziert werden, hängt immer auch von betrieblichen Rahmenbedingungen ab, die ich in diesem Fall nicht beeinflussen kann. Tatsächlich würde ich sehr gerne die Online-Bewerbung mit Tageszeitung oder Fachpresse kombinieren.
    Papiergestütztes Arbeiten? Jein. Für verschiedene Anforderungen gibt es unterschiedliche Lösungen und Medien. Papier gehört immer noch dazu. Und ich kann mich tatsächlich an niemanden erinnern, der komplett ohne auskommt. Solange Internet-Nutzer die Einfachheit der E-Mail und die beliebige Größe von Empfängerverteilern inflationär und ohne Nachdenken für jede Kleinigkeit missbrauchen, bleibt am Papier eine gewisse Verbindlichkeit haften. Und nein, ich schaue nicht in alle Zeugnisse, wenn Anschreiben und Lebenslauf schon Grund genug für eine Ablehnung sind.
    Ob ein CV grundsätzlich wichtiger als ein Anschreiben ist, hängt von der ausgeschriebenen Position ab. Wer z. B. als Online-Redakteur ein mühsam zu lesendes, viel zu langes und mit Fehlern gespicktes Anschreiben verfasst, braucht eigentlich gar keinen Lebenslauf.
    Ansonsten lies doch einfach mal den zweiten Teil der Geschichte ;-)
    Schöne Grüße
    Oliver Biederbeck

Comments are closed.