Phonoline – ein kurzer Nachruf

Die Weisheit in den Entscheidungen eines Bundeskanzlers erschließen sich dem gemeinen Volk mitunter erst Monate später. Mag der einfache Bürger in kriegsentscheidenden Fragen bereits selbst gespürt haben, was richtig ist und was nicht, so grenzt Schröders Misstrauen gegenüber einem Musik-Download auf der CeBIT schon fast an Hellseherei.
Aber eben nur fast, denn tatsächlich gab es damals einen Hinweis von der GEMA, dass die notwendigen Lizenzen seitens Phononet noch nicht eingeholt worden waren. So ließ Gerhard beim offiziellen Start die Finger von der Maus – genauso wie viele andere offenbar auch: bald hat es sich ausgedownloadet mit Phonoline – das “weltgrösste Musikangebot für Ihren Online-Shop”.


Vor dem lange angekündigten Start verspottete so mancher Insider die Plattform bereits als “PhonCollect”. Und so will eigentlich keiner wissen, wer das Projekt vor die Wand gefahren hat. Kam die T-Com mit der Technik nicht klar, oder war sich die Plattenindustrie am Ende nicht einig? Beides klingt nicht unwahrscheinlich, wenn auch die Forderungen nach Schadenersatz gegenüber der T-Com zur Zeit für die erste Variante sprechen.
Kunden wie CTS Eventim und Coca Cola erhalten offenbar ein Angebot, zu Musicload bei T-Online zu wechseln. Musicload gilt gerade als die Nummer 2 im Markt hinter iTunes und möchte Apple bis Jahresende wieder von Platz 1 verdrängt haben. Im Gegensatz zu iTunes, Connect oder Phonoline muss der Kunde bei Musicload für das Herunterladen der Titel keine zusätzliche Software bzw. einen Client installieren. So funktioniert der Service ähnlich wie OD2 – wenn auch weitaus besser. Der im Sommer von Loudeye übernommene Dienst, zu finden z. B. bei Karstadt und MediaMarkt, kränkelt an schlechter Performance. Firefox-Nutzer bekommen davon nichts mit: zum Zeitpunkt dieses Beitrags funktioniert das Angebot mit der Browseralternative überhaupt nicht.
So steht Musicload mit der großen Mutter T-Online im Rücken auf dem deutschen Markt folglich ganz gut da. T-Online glänzt mit der eigenen Leistung gegenüber der im Musikgeschäft glücklosen Konzernschwester T-Com jedoch nur kurz: sobald T-Online und T-Com im Rahmen des erwarteten Konzernumbaus erst einmal zusammen gehören, ist Musicload für die Telekom das Vorzeigeprodukt – und an Phonoline wird sich bald niemand mehr erinnern. Wer ihm zufällig über den Weg läuft, kann ihn ja spaßeshalber danach fragen, den Gerhard.