Handelskongress 2005 – einmal Old Economy und zurück

Nach DIMA und OMD durfte ich auch auf dem Deutschen Handelskongress in Berlin ein paar Charts präsentieren. Während das Wort “gediegen” für die DIMA als vornehme Umschreibung für “wenig besucht” herhalten musste, konnte man im neuen, übertrieben auf Art Déco getrimmten Hotel Maritim Gediegenheit mit allen Sinnen live erleben. Es war nicht nur das bordeaux-rote Ledersofa, auf dem ich diese Notizen begann, während über die Hotelbeschallung seichtes klassisches Liedgut durch die Luft säuselte. Gediegen erschienen auch die Besucher: Im Gegensatz zur DIMA (und OMD sowieso) lag das durchschnittliche Gesichtsalter deutlich höher, vorsichtig geschätzt bei über 50 Jahren. Dafür waren die Positionen der potenziellen Ansprechpartner entsprechend. Wer Entscheider aus dem weiten Feld des Handels suchte, der wurde auf dem Kongress schnell fündig.


Gediegenheit auch am Abend des ersten Tages: Die wenigen anwesenden Damen legten sich zum Gala-Abend noch einmal richtig ins Zeug, so dass Mann sich im dunklen Arbeitsanzug schnell als ziemlich underdressed empfand. Machte aber nichts, weil die Verleihung des Deutschen Handelspreises (u. a. für Ikea Deutschland und für das Lebenswerk von Herrn Wempe) sich erstens in die Länge zog und zweitens der Saal in schummriges Licht getaucht war. Ohnehin saßen an den großen runden Tischen jeweils maximal drei Frauen bei mindestens sieben Männern. Um es mit den Begriffen von 2000 zu sagen: ganz schön old school – eben Old Economy.
Kurz und gut: Die Eintrittskarten für den Handelskongress sind zwar deutlich teurer als bei anderen Branchenevents, aber erstens muss man diese Karten selten aus der eigenen Tasche bezahlen und zweitens trifft der Besucher nicht nur Old, sondern vor allem Big Economy. Nur zum Thema “E-Commerce” – momentan gerne wieder als Aushängeschild des Wachstums herangezogen – gab es wenig zu hören. Solange für den Handel die Musik in Fußgängerzonen und auf der grünen Wiese spielt, darf das nicht verwundern. Dummerweise galt auch hier: Innovationen? Im Großen und Ganzen Fehlanzeige. Dafür war mehrfach in Vorträgen und Diskussionen zu vernehmen, dass es doch ein Unding sei, wenn das MP3-Format als deutsche Erfindung einem amerikanischen Unternehmen zu Umsatzrekorden verhilft. Wahrscheinlich drängte sich diese Erkenntnis während der Vorbereitung zum Kongress auf: Wenn nämlich an den Ständen der begleitenden Messe “Retail World” etwas verlost wurde, dann waren das zumeist iPods von Apple.
Was stellt man als New Economy Gewächs also an in einem Umfeld, in dem handelnde Personen nach Jahrzehnten immer noch als glaubwürdige Handels-Berater angesehen werden, auch wenn sie bei anderen Gelegenheiten öffentlich kundtun, E-Commerce sei “die größte Verarschung der Menschheit”? Ganz einfach: Vor wenigen Jahren haben wir Multimedia-Heinis und die Heerscharen von eleganten Beratern den Dickschiffen im Markt nur von Technologie vorgeschwärmt, und alles lief super bis zum bekannten Knall. Selbst nach dem Platzen der New Economy Blase gingen viele Millionen Euro in E-Commerce Projekte, die kaum ein Mensch brauchte oder die einfach nur umständlich und zu teuer umgesetzt wurden. Wieviel Geld große Handelshäuser oder öffentliche Haushalte auch nach 2000 bei absurden Projekten vernichtet haben, wurde meines Wissens noch nicht ausgerechnet, und wahrscheinlich will das auch kein Mensch wirklich wissen. Fest steht, dass mit dem Geld auch viel Glaubwürdigkeit einer jungen Branche vernichtet wurde.
Jetzt geht es darum, diese Glaubwürdigkeit wieder aufzubauen. Erzählt also weniger von den tollen unglaublichen technischen Möglichkeiten und weniger davon, was in Japan und in den USA angeblich bereits ein ganz großer Renner ist. Erzählt den Leuten davon, was heute geht – und auch, was überhaupt nicht funktioniert. Und vermeidet es auf jeden Fall, einem über 50-jährigen Handelsprofi sein Business zu erklären. Glaubwürdigkeit und Aufträge kommen wieder, ganz sicher.